Epilog

Eine Liebe, die vermutlich nie enden wird

Text von Annika Kiehn, September 2022

Aufmacherbild: Kathrin Harms/Exkursionsfotos: Antanas Ulčinas

Juli 2022. Ich sitze am Flughafen von Vilnius im schönen Litauen und habe noch ein paar Stunden vor mir, bis mein Flieger zurück nach Berlin geht. Genug Zeit, um Revue passieren zu lassen. Regenwasser gleitet die großen Fensterscheiben hinunter, das Wetter passt zu meiner Stimmung, die sich zwischen selig und wehmütig bewegt. Ich kam nach Litauen, um eine Exkursionsgruppe zu begleiten, die sich eine Woche lang Gutshäuser im ganzen Land ansehen würde. Der Organisator fragte mich, ob ich dazustoßen könnte für einen Vortrag, um über meine Arbeit als Gutshaus-Journalistin zu sprechen. Als ich das einer Freundin erzählte, erwiderte diese: „Du bist eingeladen, um über Deine Arbeit zu sprechen? Wie geil ist das denn bitte?“ Und ich dachte bei mir: Stimmt, was für ein Privileg! Es ist der krönende Abschluss einer vierjährigen Reise für das Baltic-Manor-Projekt und ich könnte nicht zufriedener sein.

In den vornehmen Atmosphäre des Vilnius Klubs, einer privaten Gemeinschaft, die sich um das historischen Stadthaus kümmert, lauschten rund 25 Menschen meinen Erlebnissen aus der verrückten Gutshauswelt. Hohe Kachelöfen zieren die hohen Räume, deren Wände dunkelrot gestrichen sind. Kaum beginne ich meinen Vortrag, gibt es kein Halten mehr. Wenn es um Gutshäuser geht, brauche ich keine vorgegebene Struktur, routiniert schwenke ich zwischen Anekdoten zu historischem Wissen und zurück. Erzähle ihnen von all den inspirierenden Menschen, die sich der Ausgabe verschrieben haben, alten Gemäuern neues Leben einzuhauchen. „Was für ein Traumjob!“, wirft jemand ein. Die Gruppe nickt zustimmend.Recht haben sie.

Die Initialzündung kam vor acht Jahren mit einem Besuch in einem Gutshaus in Mecklenburg-Vorpommern. Es war Tag des offenen Denkmals und ich war in einem etwas unkonventionellem Haus gelandet, dessen Besitzerin eine ältere, kettenrauchende Dame war. Sie war 1994 aus Süddeutschland in den Norden gekommen und dem Zustand des Hauses nach zu urteilen, hatte sich seither nicht viel verändert. Irgendwie mochte ich das. Dieses Unfertige, Schrubbelige. Es steht für mich für diese wilden Zeiten unmittelbar nach der Wende, wo alles etwas zügellos ablief und die Bürokratie zeitweilig ausgesetzt schien. Dieser Besuch erinnerte mich daran, unter welch absurden Bedingungen Gutshäuser erhalten werden, wenn man bedenkt, dass es ja einst die großen Ländereien waren, also die Güter, die die Existenz dieser Häuser sicherten und dass, seit das Land vom Haus getrennt wurde, diese Symbiose nicht mehr bestand – was für die Gutshäuser bedeutete, dass diese damit in eine wirtschaftlich schwierige Situation gerieten. Ich betrachtete diese Frau mit den wilden Haaren, wie sie über ihr Haus erzählte und dachte bei mir: Warum kauft sich eine linksalternative Frau einen solchen Kasten? Und was ist aus ihren Träumen geworden, die sie gehabt zu haben schien und die offensichtlich nicht ganz aufgingen? So fand ich zu der Frage, die mich seither durch dieses Thema führt: Warum kaufen sich „normale“ Menschen in diesen Tagen ein Gutshaus und wie wirken Haus und Mensch aufeinander ein? Es ist der Zeitgeist, der mich reizt. Diese Orte als nostalgische Inseln inmitten einer sich immer schneller drehenden Welt, die dabei die Kraft haben, die Zeit still stehen zu lassen und in die Vergangenheit einzutauchen.

Seit diesem schicksalshaften Besuch habe ich viele Stunden damit aufgewendet, mich in Gutshäusern herumzutreiben und deren Besitzer mit Fragen zu löchern. Dabei habe ich gemerkt, es geht um Leidenschaft und zwar auf einem hochgradig elitärem Level! All diese Menschen, egal wie wohlhabend, geben sich mit Demut der Vergangenheit hin, die sie zuweilen in einem brachialen Ausmaß zur Bodenständigkeit zwingt – in einem Gutshaus muss auch heute noch, vielleicht mehr denn je, jeder Cent zwei Mal umgedreht werden, selbst die wohlhabendsten Gutshausbesitzer mögen nicht zusehen, wie ihr Geld den Schornstein hochwandert. Und genau diese Art zu leben – einerseits, die Schönheit zu feiern und es opulent zugehen zu lassen und gleichzeitig mit Verstand agieren und dabei niemals sorgenfrei, ist es, was mich an dem Thema reizt. Es hat mich in meinem Denken, was wichtig und was unwichtig ist, sehr geprägt. So sehr, dass ich manchmal wünschte, ich könnte die teils sinnfreien Shoppingmomente von früher rückgängig machen und das Geld stattdessen in schöne Wandfarben oder Holzfenster investieren. Ich habe die absurdesten Vorlieben entwickelt für schöne Fenstergriffe, welliges Fensterglas, breite Dielen oder alte Türgriffe. Der Zauber alter Häuser liegt in der Nostalgie, geformt vom Facettenreichtum des Handwerks, den es in solch einer Hingabe heutzutage nicht mehr geben wird. Es ist die Freude an diesen Werten, die mich immer wieder zu Gleichgesinnten führt, so auch zu dem Kunsthistoriker und Gutshaus-Fanatiker Marius Daraškevičius. Er ist der Leiter von Schloss Panemune in Litauen und kennt nahezu jedes Gutshaus in diesem Land.

Er hat seine Doktorarbeit über die Bedeutsamkeit des Esszimmers im Gutshaus geschrieben und ich schätze mich glücklich, in ihm einen ebenbürtigen Gutshaus-Enthusiast gefunden zu haben. Ich traf ihn während meiner Recherchen für Baltic Manors und fühlte mich geehrt, als er mir den Vorschlag unterbreitete, als Gastrednerin die Study Group zu bereichern und ich könnte nicht dankbarer sein für diese wunderbare Gelegenheit.

„Ganz gleich, wohin ich kam, ob Schweden, Dänemark, Polen oder Litauen, es fühlte sich heimisch an. Ich traf auf Menschen, die gleichermaßen zielstrebig und bescheiden waren. Sie alle waren sich der Tatsache bewusst, dass sie die Geschichte ihres Hauses lediglich für eine kurze Weile weiterschreiben. Doch es war ihnen Antrieb genug, alles zu geben, um diese Kulturgüter für kommende Generationen zu erhalten.“

Annika Kiehn, journalist for manorial Zeitgeist

In diesen drei Tagen habe ich die Bandbreite von Litauens Gutshauslandschaft kennengelernt: Ich war im ältesten Holzgutshaus, wo der Geist der Vergangenheit noch allgegenwärtig ist. Menschen haben uns in ihren Häusern willkommen geheißen, die dort entweder schon seit Generationen leben im Kitsch des Kommunismus oder mit ihrem städtisch gefärbtem Gusto ein verschlafenes Haus wieder nach altbewährten, kostenintensiven Methoden zu neuem Leben erwecken. Dabei waren auch jene darunter, die es aus eigener Kraft zu Wohlstand gebracht haben und angenehmerweise nicht vergessen haben, wo sie einmal angefangen haben. In dieser kurzen Zeitspanne habe ich ein buntes Mosaik des Litauens von damals und von heute mitgenommen und wieder einmal hat es mich bestätigt, dass diese Häuser ein Indikator dafür sind, was gewesen ist und dafür, wo die Reise hingeht. Am Ende vereint uns Europäer derselbe Ursprung der Geschichte, und es ist wunderbar zu sehen, wie sich diese in jedem Land auf seine ganz eigene Art und Weise weiterentwickelt hat.

„Ganz gleich, wohin ich kam, ob Schweden, Dänemark, Polen oder Litauen, es fühlte sich heimisch an. Ich traf auf Menschen, die gleichermaßen zielstrebig und bescheiden waren. Sie alle waren sich der Tatsache bewusst, dass sie die Geschichte ihres Hauses lediglich für eine kurze Weile weiterschreiben. Doch es war ihnen Antrieb genug, alles zu geben, um diese Kulturgüter für kommende Generationen zu erhalten.“

Im Zuge des South-Baltic-Manor-Projekts habe ich etliche Menschen kennengelernt, die mit unerschütterlichem Eifer Kulturerbe retten und als Destination für Besucher verwandeln. Ihre Geschichten sind hier auf diesem Blog noch lange nachzulesen, doch am besten, Sie besuchen sie und überzeugen sich selbst vor Ort. Ich hoffe, dass es mir ein wenig gelungen ist, Ihnen diese Leidenschaft nahezubringen. Ich habe noch viel mehr im Notizblock zu stehen, als ich hier wiedergeben kann. Und ich kann es nicht erwarten, weiterzumachen. Denn das lehrt uns das Thema Kulturerbe: Dass es sich lohnt, dranzubleiben und nicht müde zu werden, die Schönheit der vergangenen Zeit zu bewahren und den Menschen heranzutragen. Ich bin dankbar für die Chance, all diese Gutshaus-Enthusiasten kennenzulernen und mich von ihrer Energie anstecken zu lassen. Und nach einigen Corona-bedingten Pausen kommen auch endlich wieder einige Seminare zustande, in denen ich mich mit Gleichgesinnten austauschen kann. Wie sagte ein Kollege einmal zu mir: „Ein wirklich schönes Thema hast Du Dir ausgesucht, um Expertin zu werden.“ Was soll ich sagen: Er könnte nicht mehr recht haben. Man muss kein Gutshaus besitzen, um sein ganz eigenes Abenteuer zu erleben. Denn so oder so, und das ist das Schöne daran, gibt es nur ein Prinzip, dem alle gleichermaßen unterliegen: Man wird nie fertig.