Das eiserne Herz von Gutshaus Pederstrup

Geschichte erleben auf Dänemarks ältester Kochstelle

Text von Annika Kiehn, August 2022

Fotos: Reventlow-Museet Pederstrup/Baltic Manors

Fotos Eisenofens und Portrait Hans Dines Schmidt: privat bereitgestellt von Familie Schmidt

Als Louise Sebro im Reventlow-Museum in Lolland ihre neue Stelle antrat und den großen alten Herd im Untergeschoss des Gutshauses sah, war es sofort um sie geschehen. So etwas gewaltig Schönes hatte sie bisher noch nicht gesehen. „Wir vermuten, dass es sich dabei um einen der ältesten Kochherde Dänemarks handelt“, sagt sie. Mit einer Länge von rund vier Metern und einem stolzen Gewicht von rund zweieinhalb Tonnen ruht das alte Ding in der ehemaligen Gutsküche wie eine Mumie im Sarkophag. Dass es in diesen Tagen dort wieder dampft und raucht, ist einer aufwendigen Restaurierung zu verdanken, die Louise Sebro und ihre Kollegen in die Wege geleitet haben. Damit hat das Reventlow-Museum in Lolland eine historisch wertvolle Hauptattraktion dazu gewonnen, die Geschichte zum Anfassen, Riechen und Schmecken möglich macht.

„Normalerweise sind Ausstellungsstücke nicht für eine Nutzung vorgesehen“, erklärt Louise Sebro. Sobald sie eine Registrierungsnummer bekommen haben, fallen die Exponate in eine Art Dornröschenschlaf. „Als Museum ist es in erster Linie unsere Aufgabe, auf die Dinge aufzupassen und sie für die künftigen Generationen zu verwahren. Ein Gebrauch würde ihren Verfall beschleunigen, daher hat es sich in der Praxis so etabliert, sie ungenutzt zu lassen“, sagt sie mit einem leichten Bedauern. 

Der große Eisenherd bildet eine erfreuliche Ausnahme im klassisistischen Gutshaus Pederstrup, das seit 1940 als Museum genutzt wird. Um die 1850 eingebaut, war der Herd bereits zu aktiven Gutshofzeiten das Herz des Hauses, nicht nur, um dort Essen zuzubereiten, sondern auch als Zentrum des Austauschs für Klatsch und Tratsch und darüber, was in der Welt geschah.

Louise Sebro ist Historikerin für  Kolonialgeschichte und die Geschichte der Karibik, sowie der Westafrikanischen Kultur. Am Reventlow-Museum in Lolland-Falster bringt sie ihre Expertise für Gutshäuser ein, vor allem für die Zeit des 18. Jahrhunderts. Als sie das erste Mal die große Kochstelle im Untergeschoss sah, war sie sofort eingenommen von seiner mondänen Erscheinung, trotz seines heruntergekommenen Zustands. Die Schamottesteine im Inneren waren komplett versottet, die Eisenherdplatten spröde und durchlässig geworden. Dass der Ofen dringend einer Restaurierung bedurfte, darüber war sich das Museumsteam schnell einig, wie Louise erzählt: „Wir möchten Geschichte erlebbar machen. Die Menschen sollen sie nicht bloß ansehen können, wir möchten, dass sie sie auch fühlen können. Daher kam mir schnell der Gedanke, dass ein Ofen von solcher Präsenz etliche Gelegenheiten bieten würde, diesem Ort mehr Erlebbarkeit zu verschaffen. Allein ein Feuer anzumachen ist doch schon irgendwie eine Zeitreise an sich, oder?“ 

Mit all den Annehmlichkeiten, die uns die Moderne im Alltag bietet, geraten die traditionellen Handgriffe schnell in Vergessenheit. Dabei stimulieren sie unsere Sinne auf vielerlei Art – ob durch Gerüche oder allein durch die Verlangsamung, die sich bei manuellen Tätigkeiten einstellt. Ich habe einmal ganze drei Stunden damit zugebracht, trockene Äste zu knicken, die wir fürs Feuer verwenden würden. Drei Stunden lang schaute ich dabei in die Landschaft und hätte seliger nicht sein können. Und gibt es etwas Betörenderes als den Rauch eines frisch gezündeten Streichholzes? 

Inzwischen sind die Kochsessions von Louise Sebro fester Programmteil des Museums. Als Küchenmagd im Stil des 18. Jahrhunderts gekleidet, weist sie Besucher in die Kochgewohnheiten des 18. Jahrhunderts ein. „Mir ist es wichtig, eine authentische Szene wiederzugeben. Ich bin sehr glücklich, dass wir mit diesem Ofen so ein besonderes und nachhaltiges Erlebnis für unsere Besucher schaffen können. Es ist nicht 100-prozentig original, dafür bräuchten wir wesentlich mehr Personal. Aber wir sind froh, dass wir besondere Gelegenheiten schaffen können, an denen wir unseren Besuchern ein Stück Vergangenheit näher bringen.“

Wie ein großes, schlagendes Herz bringt der Ofen neues Leben in den sonst eher starren Museumsalltag. „Als das Gutshaus noch im traditionellen Sinne betrieben wurde, lief der Ofen den ganzen Tag. Nachts würde er etwas auskühlen, aber der Schornstein blieb warm, so dass es leichter war, am nächsten Tag das Feuer wieder anzuzünden. Wir merken, dass es an warmen Tagen schwieriger ist, weil der Zug nicht richtig zieht. Wir haben viel herumexperimentiert, als der restaurierte Ofen zurückkam, was viel Rauch verursacht hat. Zum Glück waren die Feuerwehrleute informiert, so dass sie nicht jedes Mal ausgerückt sind, wenn sie eine dunkle Wolke über Pederstrup sahen. Es war ein spannender Prozess sich die Gewohnheiten von vor mehr als 200 Jahren anzueignen.“

Wie haben sie die aufwendige Restaurierung gemeistert? „Das war eine besondere Herausforderung, jemanden zu finden, der sich diese Aufgabe zutraut“, sagt Louise Sebro. Zum Glück fand sie den dänischen Ofenbauer Hans Dines Schmidt aus Christiansfeld in Jütland. Seine Familie wanderte einst aus dem sächsischen Städtchen Herrenhut nach Dänemark aus. Aus dieser bergigen Landschaft, nahe gelegen zu Bayern und der Tschechischen Republik, waren sie mit effizientem Ofenbau bestens vertraut. Bereits in 9. Generation fertigt die Schmidt-Familie den sogenannten „Christiansfelder Kakkeloven“, eine Marke, die für traditionsreiche und nachhaltige Ofenbaufertigung steht. Hans Dines Schmidt lebt seinen Beruf mit ganzer Leidenschaft. Seine Werkstatt gleicht einem Museumsbesuch an sich. Seltene Ofenmodelle, viele davon aus Deutschland, bringen seine Besucher zum Staunen. Die Restaurierung des Pederstruper Kochherds bedeutete eine Ausnahmeaufgabe für ihn.

„Ehrlich gesagt, war es eine Menge Arbeit und mehr, als ich erwartet habe. Aber ich bin glücklich, dass ich die Chance bekommen habe, ich wollte diese Aufgabe wirklich gern machen“, sagt er. „Ich habe vorher nie etwas Vergleichbares in meiner Werkstatt gehabt. Für meine Frau und mich, die auch Ofenbauerin ist, war es eine wunderbare Gelegenheit, unsere Expertise zu erweitern. Solch dicke Eisenplatten sind sehr selten. Wir vermuten, dass der Hersteller neu auf dem Gebiet war und dieser Ofen eine Art Prototyp darstellt.“ Während des zwei Monate währenden Restaurierungsprozesses fanden Hans Dines Schmidt und seine Frau viel über die Bedeutsamkeit des Ofens heraus. „So viel Eisen zu verwenden, war geradezu verschwenderisch und unprofitabel. Auch dass die Rohre oberhalb der Kochplatten verlaufen, ist untypisch und kann ein Hinweis darauf sein, dass mit dem Bau dieses Ofens ein völlig neuer Typus eines Kochherds erprobt wurde.“

Da der originäre Beleg des Kaufs nicht mehr auffindbar ist, vermutet Louise Sebro dennoch, dass diese Kochstelle den Beginn einer neuen Ära markiert in der Landküchentradition: „Wie wir aus alten Unterlagen wissen, erfuhr das Gutshaus Mitte des 18. Jahrhunderts eine komplette Modernisierung, in der es grundlegend überformt und erneuert wurde – bis auf den Herd. Dieser blieb als einziges erhalten, weshalb wir daraus schließen können, dass es sich dabei um ein Modell handelt, das seiner Zeit sehr voraus war.“ Damit markiert er eine fundamentale Umstellung der Essgewohnheiten. War es bis dato üblich, Fleisch über dem offenen Feuer zu garen, war es nun möglich, es über mehrere Stunden bei gleichbleibender Hitze zu schmoren und den Saft des Fleisches zu erhalten. Daraus ging der uns bekannte Genuss des Bratens hervor. Oder wie Louise ergänzt: „Man kann davon ausgehen, dass so ein Kochherd wie dieser unsere heutige Tradition der Weihnachtsgans geprägt hat.“

Feuer im Ofen: Besuchen Sie die Küche von Pederstrup

Besuchen Sie die Küche von Pederstrup, wenn das Hausmädchen den großen Eisenofen anzündet. Unterhalten Sie sich, helfen Sie oder hängen Sie einfach ab und genießen Sie die Wärme und den Duft, wenn die Vergangenheit zum Leben erweckt wird.

Der Herd ist möglicherweise Dänemarks ältester und größter funktionierender Eisenherd und wurde um 1850 in der Küche von Pederstrup installiert. Nach einer gründlichen Restaurierung können wir jetzt wieder auf dem Herd kochen wie vor über 150 Jahren.

Wenn der Ofen angezündet ist, können Kaffee, Saft und Kuchen gekauft werden, die im alten Weinkeller oder draußen am Seeufer genossen werden können.

Preise

Erwachsene: Kr. 75,-
Kinder unter 18 Jahren: DKK 0,-
Studenten und Rentner: DKK. 60