Die Kunst der Restaurierung

Schloss Kummerow in Mecklenburg-Vorpommern

Von Annika Kiehn, Januar 2020

Seit das Schloss Kummerow, welches im Jahr 1730 fertiggestellt wurde, 1945 seine Bestimmung als Zuhause der bedeutsamen mecklenburgischen Adelsfamilie von Maltzahn verlor, wurde es in den folgenden Jahren der DDR bis 1989 auf verschiedenste Art und Weise genutzt: als Restaurant, als Campingplatz, als Postfiliale, als Kindergarten. In dieser abwechslungsreichen Episode war es als öffentliches Haus zugänglich.

Doch wie vielerorts in diesem Landstrich teilte auch das Schloss Kummerow das Schicksal der Deutschen Wende. Die Gemeinden konnten nicht mehr für den Unterhalt der Häuser aufkommen, und weshalb sie nahezu alle erst einmal in einen Dornröschenschlaf fielen. Auch in Kummerow suchte man lange nach einem privaten Eigentümer, der sich des Schlosses annehmen würde. Mit den Jahren wurden die Aussichten immer trüber – bis 2011.

Dann kam Torsten Kunert ins Spiel, ein Immobilienmakler aus Ostberlin. Er wusste, was für bürokratische Kapriolen mit einem Denkmalgebäude dieser Größe, noch dazu von so hohem nationalen Wert, auf ihn zukommen würde. Er entschied sich, es als Herausforderung, denn als Bürde zu sehen. Die wellige Landschaft der mecklenburgischen Schweiz hatte ihn bereits Jahre zuvor den Bann gezogen – und Schloss Kummerow, so seine Vision, würde nun künftig als Wirkungsort für seine umfangreiche Sammlung an zeitgenössischer Fotografie dienen.

Unmittelbar am gleichnamigen See gelegen, ist eines der bedeutsamsten Fotomuseen Deutschlands, wenn nicht sogar Europas. Neben der Kunst dient es als Zeugnis einer wechselhaften Geschichte der Gutshäuser in Mecklenburg-Vorpommern.

Die aufwändige Restaurierung des Schlosses stellt dabei ein Kunstwerk für sich dar. Behutsam wurde die aufwühlende Vergangenheit des Hauses erhalten und teilweise explizit sichtbar gemacht. Mit Mut zum Makel entwarfen Torsten Kunert mit seinen Architekten ein Konzept, das bewusst mit den Missetaten an der alten Substanz spielt und sie nicht zu vertuschen versucht.

Der Glanz dieser Häuser offenbart sich in einem Zusammenspiel aus Nutzen und Schönheit: geschmiedete Treppen, Stuckelemente, handbemalte Tapeten oder hochwertige Parkettböden. Ein so vom langjährigen Leerstand mitgenommenes Haus wie Schloss Kummerow wieder zu neuem Antlitz zu verhelfen, ist eine hochsensible Angelegenheit – vor allem, wenn die Denkmalbehörden involviert sind. Über allen Entscheidungen steht eine zentrale Frage: Wie viel kann und sollte von dem historischen Charm erhalten bleiben? Es ist Qual und Vergnügen gleichermaßen.

Als ich im Mai 2016 das erste Mal für eine Kulturerbe-Konferenz ins neu eröffnete Schloss Kummerow kam, war ich sofort von diesem Ort eingenommen. Die Hingabe zum Detail ist überwältigend und zieht sich wie ein roter Faden durch alle vier Etagen. Schon am Eingang werden die Besucher von einer eigenwilligen Tür empfangen, die auf einer Seite noch dien abgeblätterten Lack trägt und ein verblasstes Schild mit der Aufschrift: „Vorsicht Baustelle“. Ein Witz, der darauf abzielt zu verdeutlichen, dass dieses Haus unliebsame Zeiten hinter sich hat – und dabei oft missverstanden wird.
Tochter Aileen Kunert, die sich seit dem Tod ihres Vaters im Frühjahr 2020 um das Schloss kümmert, wird nicht müde, irritierten Besuchern zu erzählen, was es mit den imperfekten Stellen im Haus auf sich hat:

„Es passiert immer wieder, dass Gäste sich kurz umgucken und dann sagen: ‚Wir kommen wieder, wenn es fertig ist!‘ Wenn ich erwidere: ‚Aber es ist fertig!’, schweigen sie einen Moment und es macht Klick. Dann kann ich beobachten, wie sie versuchen, sich darauf einzulassen. Es habe schon viele Meinungen gehört, wie man dieses Haus hätte am besten restaurieren sollen, ich denke, so wie es sie, ist es am besten.“

Die unterschiedlichen Parkettböden allein sind es wert, sie für einen Moment mit besonderer Aufmerksamkeit zu betrachten. Sie gleichen einer Symphonie, wie ich sie nicht nirgends in solcher Vielfalt gesehen habe. Und in welchem Gutshaus kann man um den imposanten Schornstein herumspazieren, nachdem der Aufstieg von einem Schattenspiel eines Videokünstlers betont wird: Eine nackte Frau und ein nackter Mann mit erigiertem Penis stehen einander gegenüber und diskutieren. Schloss Kummerow ist geprägt von Neugierde auf das, was war und das, was sein kann. Es ist dem Freigeist von Torsten Kunert zu verdanken, dass dieser Ort von so viel Eigenwilligkeit geprägt ist.

Reparaturen sind erkennbar gehalten. Mussten Sprossen in der Treppen ausgetauscht werden, wurden diese nicht nachgestrichen, sondern naturbelassen, um zu zeigen, was kaputt war. Wurde Stuck an den Decken abgeschlagen, ist er nicht erneuert worden. Als jemand, der in der DDR aufwuchs, fiel es Torsten Kunert nicht schwer, die Spuren des Kommunismus geradezu herauszuheben, die in Kontrast zu der barocken Substanz des Hauses einen eklektischen Flair erzeugen.

Nach diesem Prinzip schuf er einen einzigartigen Schauplatz, der internationale Kunst, Handwerk und die Geschichte des Hauses gleichermaßen würdigt. „Er wollte die Zeitschichten würdigen, die diesen Ort geprägt haben. Besonders der Zeitgeist der DDR-Republik hat es ihm angetan, die er miterlebt hat, und die keinerlei Sinn für Ästhetik und Herrschaftliches übrig hatte“, sagt Aileen Kunert. Das Haus stehe für die ebenso wechselhafte persönliche Geschichte ihres Vaters, der es geschafft hat, sich nach der Wende sein eigenes Ich zu formen. Lenin-Propaganda-Sprüche oder von Walter Ulbricht wirken, als seien sie extra aufgemalt worden. „Für ihn sind sie authentisch, darum war es ihm wichtig, sie zu lassen.“ Sie sind Spuren einer unbequemen Zeit, aus der heraus sich Menschen wie Torsten Kunert nach dem Mauerfall neu zu erfinden wussten.
Aileen Kunert erklärt es so: „Dieser Ort verschafft mir eine gewisse Behaglichkeit, die sich schwer beschreiben lässt. Der Geist hier besagt einerseits, dass man mit dem Strom schwimmen sollte – aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. Dann gilt es, rechtzeitig abzubiegen, um sein wahres Ich zu finden. Dieses Schloss steht für mich voll und ganz für diese Art des Denkens und es spiegelt das Wesen meines Vaters wider.“

Aileen Kunert hofft, dass die Besucher von Kummerow sie auf dieselbe ironische Art verstehen mögen, wie ihr Vater es tat. „Ich schätze den Kontrast der barocken Architektur und den DDR-Fragmenten. Es gibt immer wieder Menschen, die damit nichts anfangen können, der Ansicht sind, dass in so ein elegantes Haus nicht passen. Doch genau darin liegt der Clou: Das Schäbige mischt sich mit der Anmut der historischen Substanz. Mein Vater pflegte immer zu sagen: Ich will keine Fake-Elemente im Haus. Fake im Sinne von: Ich baue es zwar originalgetreu auf, aber es ist nicht original. In diesen Räumen kann man sofort erkennen, wo der alte Charme erhalten und wo er für immer verloren ist. Und damit erzählt uns dieses Haus von früher, ohne etwas zu vertuschen.“

Und beinahe nebenbei zieren die Arbeiten renommierter Künstler aus der ganzen Welt die alten Gemäuer. Was normalerweise in Museen wie dem MOMA in New York oder dem Tate Modern in London zu finden ist, findet sich hier im Herzen der mecklenburgischen Schweiz. Andreas Gursky, Martin Schoeller, Helmut Newton, Marina Abramović oder Will McBride, ebenso wie DDR-Fotografen und Fotografinnen. Torsten Kunert hatte ein Faible fürs Kantige, nicht zu ebenmäßige, letztlich auch bedingt durch seine eigene Biografie. Ein Thema, das sich durch die Ausstellung zieht. Aileen möchte diesen Geist von ihm weitertragen und den Besuchern näher bringen: „Das ist es doch, worum es im Leben geht – es sind die Risse, die uns prägen und uns erlauben, uns weiterzuentwickeln.“

Das Ausstellungsprogramm und geführte Touren

Begleitend zur Dauerausstellung der Fotografischen Sammlung gibt es jährlich eine Sonderausstellung und eine Kabinettausstellung im Schloss Kummerow. Im Nebengelass ist die Dauer-Ausstellung des Bildhauers Uwe Schloen zu sehen. Im „Hotel Raketa“ wohnen 300 Figuren aus Holz und Silikon.
Der Schwerpunkt der Sammlungsbestände der Fotografischen Sammlung – Schloss Kummerow liegt heute auf zeitgenössischen Werken, die seit der Jahrtausendwende entstanden sind. Ein Audioguide führt durch die Ausstellung. Jeden Sonntag um 11 Uhr findet die 1,5 stündige historische Führung im Schloss statt. Außerdem können private Führungen gebucht werden.

Schloss Kummerow
Am Schloss 10
17139 Kummerow
Mecklenburg-Vorpommern

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2022-05-05T19:50:17+02:00

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